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Mittwoch, 5. August 2015, 12:30

Schändung oder Missbrauch? Eine Begriffsklärung

Im Internet, wo ja an jeder Ecke ein Sprachwächter und Gscheithaferl herumlungert, werde ich manchmal gerügt, wenn ich das Wort Schändung für den erlittenen Missbrauch verwende. Heute verdeutlichte sich mir in einem Gespräch, wie richtig dieser Begriff ist.

Der Schänder schändet sein Opfer. Er überzieht es mit Schande, zieht es in die Schande, stürzt es in sie. Die Schande ist die Scham über das erlittene und das Schuldgefühl, das bei sexualisierter Gewalt durch die aufgenötigte Erregtheit fast immer entsteht, und das das Opfer zum Schweigen verdammt. Der Geschändete versteht sich selbst in Schande und nicht seinen Schänder. Die Tat des Schänders war somit eine Schändung.

Diese Schändung relativiert sich auch nicht, sofern der Geschändete seine Schuldgefühle im Laufe eines therapeutischen Prozesses aufzulösen vermag. Vielmehr zeigt der Begriff fortan auf die perfide Absicht des Schänders, sich durch implizierte und durch seine Tat provozierte Schuldgefühle und der hierdurch bedingten Schweigsamkeit dauerhaft verbergen zu können. Somit benennt der Begriff „Schändung“ fortan die Schändlichkeit des Schänders, und benennt gleichzeitig die Grausamkeit der Tat, denn es bleibt der Geschändete, der sich der aufgezwungenen Schande mühsam entzog.

Mit einem Freund, der eine vergleichbare Geschichte wie ich mit sich trägt, analysierte ich vor zwei Wochen verschiedene Begriffe, wie vergeben und verzeihen, oder Missbrauch und Schändung. Zum Missbrauch stellten wir fest: „Missbrauch ist, ein Kind in falscher Weise zu brauchen.“

Es ging dabei um Parentisierung. Der Erwachsene, der ein Kind für die Stabilisierung seines Gemüts braucht, es in eine Rolle drängt, die es überfordert und ihm fremd ist. – Ich weiß, dass man in diesem Sinne den Begriff auch auf sexuellen Missbrauch übertragen und hierdurch den mir seltsamen Begriff begründen kann. Meine aktuelle Therapeutin meinte dazu einmal, dass körperliche Zuneigung, das Streicheln, Schmusen und Herzen eines Kindes, ein normaler, ja notwendiger Vorgang für seine Entwicklung ist. Sobald aus dieser Zuneigung durch den Erwachsenen jedoch ein Brauchen, ein Gebrauchen und Benützen wird, wird es zum Missbrauch. Denn das Kind wird in einer solchen Beziehung zum Objekt. Die Monstrosität der sexuellen Gewalt muss hierzu gar nicht aufscheinen. Es genügt, ein sich wehrendes Kind zu busseln, wie es viele Erwachsene auch heute noch tun. – Eine Behandlung durch die Tanten im Waisenhaus, die mir allzu gut wie schlecht in Erinnerung ist. Sie brauchten das, was ich in dieser aufgezwungen Form keineswegs brauchte.

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